Einen Momänt "Mäh" – Gedanken über meine Verbannung von Facebook

Nach einigen vergeblichen Versuchen die Aufmerksamkeit der Facebook-Hirten und ihrer Schäferstündchenwachhunde auf mich zu lenken, war es dann gestern endlich soweit. Für ganze 60 Minuten (oder auch mehr) wurde ich unfreiwillig aus der illustren Herde des Social Networking auf Facebook ausgeschlossen. Ich wollte wie üblich kurz schauen, was meine Freunde so treiben – von manchen auch als Online-Stalking bezeichnet – und bemerkte im Zuge des Anmeldevorgangs, dass mein Facebookkonto gesperrt war. Yeah! Da hatten also die Hüter der obersten Facebookdirektiven nun doch endlich ihr allsehendes Auge auf mich gerichtet – oder genauer gesagt auf die Inhalte meiner Facebookseite Moment Artist – und anschließend in ihrer weisen Ich-bin-dein-Herr-und-Hirte-Mentalität entschieden, dass es wohl das Beste für alle Beteiligten wäre, das nebenstehende Bild ohne weitere Nachfrage oder lästige Erklärungen von meiner Facebookseite zu löschen. Ok. So weit so gut. Oder auch nicht gut. Es ist ja nicht so, dass dieses Ereignis nun sonderlich selten, besorgniserregend oder weltbewegend wäre, aber was ich mich im Anschluss an diese Zensuraktion seitens Facebook fragte, war folgendes:

Was ganz konkret ist das Problem an diesem Bild?

Brustwarzen gibt es hier nicht zu sehen. Vielleicht könnte man annehmen, dass da welche wären, wenn man nicht so genau hinschaut oder wenn man alternativ zu genau hinschaut (beides Dinge, die die Menschen gerne tun), aber wirklich zu sehen sind die Brustwarzen auf diesem Bild nicht. Eigentlich, so dachte ich, hatte ich dieses Bild gemäß den geltenden Richtlinien von Facebook bezüglich der Veröffentlichung und Verbreitung von Bildern, auf denen teilweise oder vollständig unbekleidete Menschen zu sehen sind... ach nein, einen Momänt mäh... es gibt ja gar keine derartigen Richtlinien für die Veröffentlichung von Bildern auf Facebook. Also zumindest sind mir keine bekannt. Auch jetzt nicht, da ich diesen Text hier verfasse. Eigentlich kenne ich doch nur den Buschfunk (welch haariges Wort), den man üblicherweise so kennt und der einem ins Gewissen flüstert: "Keine Brustwarzen zeigen, schön brav den Penis oder die Vagina bedecken (in selteneren Fällen beides), also kurz: Keine primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale öffentlich in der Gegend herumzeigen, geschweige denn -stehen oder -liegen lassen." Nun denn, eben so wie man das im wirklichen Leben normalerweise auch handhaben würde. Gut. Diese "Richtlinie" hatte ich halbwegs befolgt, so dachte ich. Offenbar lag ich mit meiner Annahme aber ziemlich daneben. Schauen wir doch einmal was die offiziellen Facebook-Gemeinschaftsstandards, die mir im Anschluss an meine Verbannung vor die Nase gehalten wurden, zum Thema "Nacktheit" beizutragen haben:

"Facebook verfolgt strikte Richtlinien gegen das Teilen pornographischer Inhalte sowie jedweder sexueller Inhalte, wenn Minderjährige beteiligt sind. Darüber hinaus legen wir Grenzen für die Darstellung von Nacktheit fest. Wir sind bestrebt, das Recht der Menschen, persönlich bedeutsame Inhalte miteinander zu teilen, zu respektieren, und zwar unabhängig davon, ob es sich um das Foto einer Skulptur, wie z. B. dem David von Michelangelo, oder um Familienfotos einer stillenden Mutter handelt."

Interessant. Da steht dort also mitten im Getümmel der nichtssagenden Worte ein kleiner, aber alles entscheidender Satz:

"Darüber hinaus legen wir Grenzen für die Darstellung von Nacktheit fest."

Eine anschließende viertelstündige Recherche bei Dr. Google zum Thema Nackheit und Zensur auf Facebook förderte folgende Links zutage:

Zensur-Regeln bei Facebook: Nippel tabu, Fleischwunden geduldet – yahoo.com / 22.02.2012
Facebook-Richtlinien: Brüste verboten, Blut erlaubt – handelsblatt.com / 22.02.2012
Facebook-Zensur: Sittenpolizist zeigt geheimes Handbuch – t-online.de / 24.02.2012
Zensur-Chaos um Brust-Foto: ZDF bei Facebook gesperrt
 – focus.de / 13.12.2013
Facebook-Zensur: Scham vor nackter Haut – faz.net / 13.12.2013
Facebook zensiert nachgemalten Adam Michelangelos – faz.net / 05.01.2015

OK, das sind jetzt zugegebenermaßen nicht alles die hoch seriösen Nachrichtenkanäle und auch nicht unbedingt die allerfrischesten Meldungen, aber als Nutzer von Facebook kann ich im Momänt eigentlich nur zu folgender tiefgreifender Erkenntnis gelangen:

"Nichts genaues weiß man nicht."

Na toll. Und woran soll ich als schwarzes Schaf der Facebookherde nun bitteschön festmachen, ob ich ein Foto – welches unverschämterweise auch noch eine nackte Frau zum Inhalt hat – auf meiner Seite veröffentlichen darf oder nicht? Wie am Anfang des Artikels angedeutet, hab ich seit Wochen schon – wenn nicht sogar seit Monaten – Bilder mit Darstellungen von Nacktheit auf meiner Facebookseite, von denen bisher kaum ein Mensch Notiz, geschweige denn daran Anstoß genommen hat. Warum auch? Was ich veröffentliche, das ist mit Sicherheit keine Pornographie. Nein. Es sind die Schönheit und die wundervolle Eleganz des Körpers eines Menschen im Einklang mit der Berührbarkeit und der Verletzlichkeit seiner Seele, die auf meinen Fotografien dargestellt bzw. angedeutet werden. So wie dies in den darstellenden und bildenden Künsten seit Jahrtausenden schon gang und gäbe ist. Man denke nur an den oben durch Facebook selbst herbei zitierten Michelangelo und seinen David. Oder eben an seinen Adam, der den fleißigen Streichern bei Facebook dann wohl doch zensurwürdig erschien. Nun gut. Natürlich möchte ich mich nicht mit Michelangelo und seiner großen Kunstfertigkeit auf eine Stufe stellen, aber im Gegensatz zu Michelangelos David war mein Bild doch immerhin bereits zensiert.

Das komplette Geschehen (einschließlich dieses Artikels) entbehrt auf jeden Fall nicht einer gewissen Komik, wurde doch durch Facebooks eifrig handelnde Hütehirten ein Bild zensiert, das mehr oder minder freiwillig vom schwarzen Schafe selbst bereits vorab zensiert wurde, um den bei Facebook geltenden – dem schwarzen Schafe aber völlig unbekannten, weil einfach nicht auffindbaren – Richtlinien so weit wie möglich zu entsprechen. Wir reden hier quasi von einer durch Facebook gepimpten Variante der Zensur. Einer Zensur des bereits freiwillig Zensierten. Zensur 2.0 sozusagen. In Anbetracht solch überwältigender Herrlichkeit, die Facebooks löschmächtige Mitarbeiter an dieser Stelle wieder einmal an den Tag gelegt haben, bleibt mir eigentlich nur noch eins zu sagen:

Mäh.

18. Jan 2015

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